Prosa

13A

Elf Uhr fünfzig. Wir werden weggefahren.

Wir lassen unsere Leiber nach rechts schwingen, nach links, vor und zurück, Strohmenschen im Rhythmus des Mittagsverkehrs. Mein Platz vor den Mitteltüren. Laudongasse. Die Sonne hat sich verkrochen, November ist nicht so ihr Ding. Alle Augen nach innen gerichtet. Nicht Spannberg, das. Hier ist niemand zuhause. Wir sitzen dicht und alleine, ein jeder mit sich. Die Türen schließen. Wir werden weggefahren.

Ein Alter weiter vorne zischt halblaute Flüche an die Scheibe. Arschloch, Arschloch. Der Junge neben ihm ist mit Kopfhörern verschlossen, sein Scheitel wippt. Wackelhund. Ein iPod mit Wackelhund. Arschloch. Neben mir pennt einer, Stirn hart am Glas. Oder tut als ob. Mit jedem Ruck macht er neue Schlieren. Gegenüber die Frau mit Kopftuch hat die Hände im Schoß, schwarz von Kopf bis Schuh, ihr Gesicht geradeaus, auf Stand-by. Lederergasse. Die Tür vor mir scharrt, eine Frau mit Kinderwagen steigt zu, erst die Vorderräder, dann die hinteren, muss ich der jetzt meinen Platz. Sie schiebt den Kinderwagen ans Fenster, lehnt sich daneben, lässt die Schultern fallen, dann den Blick. Die Türen schließen. Wir werden weggefahren.

Das kleine Mädchen im Kinderwagen dreht den Kopf nach links, nach rechts, nach oben, beginnt zu weinen. Es will etwas, das nicht zu haben ist. Nicht hier, nicht jetzt. Die Mutter murmelt, führt dämpfende Gesten aus. Die Kleine wird lauter. Der Schläfer neben mir dreht den Kopf nach ihr um, dreht ihn zurück. Der alte Schimpfer dreht den Kopf nach ihr um, dreht ihn zurück. Blöder Balg. Die Kopftuchfrau bleibt steinern. Strozzigasse. Der Wackelhund schnellt in die Höhe, steigt aus. Ein Band seines Rucksacks streift meine Schulter. Ich blicke auf meine Schulter. Die Türen wollen schließen, ich drehe meinen Kopf, in diesem Moment wischt ein dunkler Fleck über mein Sichtfeld, hinein in den Bus. Ich blinzle. Was ist jetzt. Wir werden weggefahren.

Das Mädchen hat aufgehört zu schreien, ihr Mund ist weit offen, hat sie bloß den Ton vergessen. Die Kopftuchfrau strahlt, ihr Gesicht wie angeknipst. Sie ist schön. Sie hält den Atem an. Da sehe ich ihn erst, den Vogel. Auf ihren Knien sitzt ein kleiner Vogel und sieht sie an. Eine Meise, gelb und blau, Kopf schwarz und weiß. Der Vogel starrt viele Sekunden, sie starrt auf den Vogel, ich starre auf den Vogel, ist da wirklich ein Vogel. Da scheren wir alle nach rechts aus, der Vogel hebt ab und zum hinteren Ende. Jetzt erwacht der Bus. Jetzt öffnen sich Augen, ducken sich Köpfe, heben sich Arme. Ah. Oh. Schrecken und Lachen. Er will über die Halteriemen, er will auf die Kunststoffstange, will sich setzen, auf die Stange, rutscht immer wieder ab, flattert und versucht es wieder, rutscht ab, flattert. Der alte Schimpfer sitzt verdreht auf seinem Sitz, schaut mit offenem Mund. Neubaugasse. Ein Mann mit Bart springt auf und drückt den Türknopf der Mitteltüren. Der Vogel fliegt nach vorne, vorbei am kleinen Mädchen. Der Vogel ist blitzschnell. Das Mädchen ruft haaaaaa. Es sieht dem Vogel nach, sieht seine Mutter an, lacht laut, sieht wieder zum Vogel. Der alte Schimpfer sagt, dort ist die Tür. Seine Stimme ist wie neu. Schau Kleiner, dort. Die Türen schließen. Wir werden weggefahren.

Ich sehe den Alten an. Der Vogel ist da oben, flattert zwischen uns. Der Alte sieht mich an. Ich sehe die Kopftuchfrau an. Sie sieht mich an. Alle sehen einander an. Alle sehen den Vogel. Alle machen sich groß und gerade und bewegen sich schnell. Wir müssen den Fahrer verständigen, sagt der Mann der aufgesprungen ist. Er hantelt sich vor, bis er in Rufweite ist. Da ist ein Vogel. Ein Vogel. Der alte Mann duckt sich unter dem Vogel weg, der flitzt wieder nach hinten. Westbahnstraße. Drei Leute springen auf, alle Türen werden geöffnet. Der Vogel flattert um die Stange, ein Mann steht auf und schwingt den Arm, will ihn zur Tür treiben. Tut ihm nicht weh, ruft eine Frau. Vorsicht. Der Vogel zischt nach vor, zischt dicht an meinem Ohr vorbei. Ich ducke mich hastig, lache laut. Ich kann nicht anders. Nun helfen wir alle zusammen, mit da und schnell und jetzt. Der Vogel findet hinaus zur Mitteltür. Alle setzen sich. Die Türen schließen. Wir werden weggefahren.

Zwölf Uhr zwei. Alles ist anders. Die Frau mit dem Kopftuch lächelt mich an. Hoffentlich findet er nach Hause, denke ich. Gut, dass es kein Krokodil war, ruft einer von hinten, und alle lachen wir. Wir lachen alle. Wir haben es geschafft. Wir lachen und steigen aus, jeder für sich, mit einem Flattern im Sinn.

(Erschienen: Flügelschlag, Anthologie Forum Land, 2013)

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